
Wir gehören zu euch
Sternenkinder und ihre Familien
von Anna Hubrich
Kapitel Trauer - Was trauernde Eltern brauchen
„Der bei weitem wichtigste Faktor für einen gesunden Trauerprozess
ist das Ausmaß an Unterstützung durch das soziale Umfeld.“[1]
[1] Hannah Lothrop, Gute Hoffnung – Jähes Ende, München 1991
Immer wieder berichten Frauen und Männer, die ihr Kind während der Schwangerschaft verloren haben, davon, wie verletzt oder alleingelassen sie sich durch die Reaktionen und das Verhalten ihrer Mitmenschen fühlen, und von dem Tabu, dem sie bei diesem Thema begegnen.
Mögliche Gründe
Der plötzliche Tod eines Kindes ruft bei fast allen Menschen tiefste Urangst wach[2] und den wenigsten ist das bewusst. Wie können sie auf den Schmerz einer Mutter, eines Vater eingehen, deren Leid sie sich nicht einmal vorzustellen wagen, einen Schmerz, den sie selbst nicht erlebt haben und auch nie erleben möchten? Oder wenn ihnen dieses Trauma nicht bewusst ist und ungelöst oder als Tabu in ihrem eigenen Feld schlummert? So kommt es, dass aus Unsicherheit und Vermeidungsverhalten das bei allen Menschen elementare Bedürfnis nach Mitgefühl nicht gestillt werden kann. Viele Menschen wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen, und so kann es passieren, dass eine Mutter, die ihr Kind verloren hat, plötzlich keine Einladungen oder Besuche von Familien mit Kindern mehr bekommt oder umgekehrt, dass ihr die Nichten zum Babysitten angeboten werden als quasi „therapeutische Maßnahme“.
[2] Monika Renz, Zwischen Urangst und Urvertrauen, Paderborn 1996
In einer Radiosendung hörte ich einmal, dass eine Ärztin einer Frau den sicher gut gemeinten Rat gab, vor Ende des 3. Schwangerschaftsmonats keine Beziehung zum Kind aufzunehmen, es auch nur „Fötus“ zu nennen, dann wäre eine Fehlgeburt nicht so schwer. Auch Sätze wie „Wahrscheinlich war es das Beste und es wäre ein krankes oder missgebildetes Kind gewesen“, oder sanfter: „Das tut mir leid, aber Sie können ja bestimmt noch viele Kinder bekommen“, helfen den Betroffenen nicht. Der Trauernde selbst und seine Umwelt sind oft nicht vorbereitet auf den Umgang mit dieser Situation.
Die Situation des Trauernden
Ein Mensch, der sein Kind verloren hat, ist in seiner Trauer sehr ungeschützt und empfindsam. Wieviel Nähe, wieviel Alleinsein, wieviel Reden, Weinen, Schweigen er in dem Moment braucht, muss er für sich selbst herausfinden und das ist nicht immer leicht. Eine trauernde Frau sagte einmal, dass sie selbst erst lernen musste, sich, ihren wechselnden Gefühlen und Bedürfnissen, ihrer eigenen Trauer zu vertrauen. Sie musste lernen, sich und all ihre Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich dafür Raum zu geben, zu spüren, wann sie Rückzug und das Im-Schmerz-Sein brauchte und wann die Nähe von Menschen für sie wichtig war. Auch die Väter haben es oft nicht leicht; die meisten sind für ihre Frauen in dieser Situation ein Halt, doch wie es ihnen dabei geht, werden sie selten gefragt.
Der Trauernde ist meist der Letzte, der aus dem Haus gehen und offen auf andere Menschen zugehen kann. Auch Scham und Schuld können hier eine Rolle spielen. Und eine Fehlgeburt ist in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema, nicht alle Frauen (oder Männer) haben in dieser Zeit die Kraft und den Mut, sich in ihrer Verletzlichkeit anderen Menschen auszusetzen oder auch zuzumuten. Gerade bei frühen Fehlgeburten, wo noch niemand den Mutterstatus einer Frau gesehen hat, höre ich immer wieder den Satz: „ Anderen (gemeint sind Frauen, die ihr Kind erst später in der Schwangerschaft verloren haben) geht es bestimmt noch viel schlimmer.“ Doch damit geben sich die Frauen selbst kaum das Recht auf Trauer und versagen sich ihr elementares Bedürfnis nach Anteilnahme und Mitgefühl.
Es gibt keine Hierarchie bei Trauer – wie tief eine Frau, ein Mann vom Tod ihres ungeborenen Kindes betroffen werden, hängt immer von individuellen Prägungen und Bedingungen ab. War die Schwangerschaft lang ersehnt, die Bindung schon tief? Wie ist die Geschichte dieser Schwangerschaft? Wie endete sie? Wie wurde Tod, Trennung und Abschied bisher im Leben der Eltern erfahren? Welches Weltbild, welche Kultur, welcher Glaube prägt die Eltern? Wie ist ihre Beziehung? Ihre Lebenssituation? Wie stark ist sie in ein tragendes soziales Umfeld eingebunden? Welche Hoffnungen, Wünsche waren mit der Schwangerschaft und dem Kind verbunden? All das und noch mehr wirkt mit hinein in das ganze Bild, die Situation und somit die individuellen Bedürfnisse jedes Trauernden.
Was Trauernde brauchen
„Der Mensch ist integraler Teil des universellen Seins und darum nie vollkommen unabhängig und losgelöst. Wir sind – da wo wir sind – zur Teilhabe, zu Mitgefühl und zu Mitverantwortung eingeladen und aufgefordert.“[3]
[3] Sabine Brönnimann, Wenn die Zeit sich neigt. Eine Fährfrau begleitet bei Abschied, Tod und Trauer. Kösel Verlag, München 2012
Alle Menschen sind darauf angewiesen, dass ihr Leid und ihr emotionaler Schmerz ernst genommen wird und sie sich sicher fühlen. Bei aller Bürde, die sie in dieser Zeit tragen, haben sie das elementare Bedürfnis, sich in Würde und Gehalten-Sein, Gesehen-Werden, in ihrer Trauer Akzeptiert-werden zu erleben. Wer trauert, muss sich sicher fühlen, braucht das Gefühl von Zuwendung und Nähe, bedingungsloser Akzeptanz, braucht Raum und Zeit, die ihm gegeben wird, braucht Begleiter und Freunde im Hintergrund.
Weil so viele Menschen oft nicht wissen, wie sie sich gegenüber einer Frau, einem Mann, die ihr ungeborenes Kind verloren haben, verhalten sollen, haben wir aus vielen Gesprächen eine Art „Wunschliste“ zusammengestellt, als Leitfaden für die Situation und Bedürfnisse von verwaisten Eltern.
- Egal, wie früh unser Kind gestorben ist, wir fühlen uns als Mutter und Vater, die ein Kind verloren haben. Und das ist schlimm, tut weh!
- Wir möchten uns so verabschieden können, wie wir es wählen.
- Wir wissen nicht, wie lange es dauert, bitte gebt uns die Zeit!
- Wir brauchen es, davon zu erzählen, immer und immer wieder.
- Wir möchten von unserem Kind erzählen, ihr sollt es kennenlernen, verstehen, wie alles war, wie wir es erlebt haben, wie wir unser Kind geliebt haben, welche Angst wir hatten, wie wir bestimmte Momente erlebt haben.
- Wir möchten weinen, jammern, wütend sein oder uns zurückziehen dürfen, wenn wir es brauchen, und uns dafür nicht schämen.
- Wir brauchen es, in den Arm genommen zu werden, auch wenn wir es oft selbst nicht ausdrücken können.
- Wir brauchen eure Geduld, euer Verständnis, denn wir sind gerade anders als sonst und funktionieren nicht perfekt.
- Wir brauchen eure Anteilnahme und euer Mitgefühl, euer Dasein und Zuhören.
- Wir brauchen eure Fragen, euer aufrichtiges Teilhaben.
- Wir brauchen manchmal Hilfen für ganz alltägliche Dinge, wie einkaufen, kochen, im Haushalt helfen, Formalitäten für Ämter. Bitte seid für uns da, wir schaffen es oft nicht, euch selbst zu fragen.
- Seid nicht beleidigt, wenn wir uns zurückziehen, nicht ans Telefon gehen und nicht gleich antworten. Eure Anrufe und Nachrichten über SMS oder WhatsApp oder eure liebevollen Karten zeigen uns, dass wir nicht allein sind und ihr an uns denkt.
- Wir erwarten keine Lösungen von euch. Aber wir brauchen eure liebevolle Anwesenheit, euer Dasein für uns. Manchmal auch eure Gedanken, Gefühle, euer Handeln.
- Glaubt an uns und unsere Fähigkeit, dieses Tal zu durchschreiten, auch wenn ihr uns nicht immer versteht.
- Und bitte seid für uns da, wenn ihr merkt, dass wir Hilfe brauchen!
- Manchmal brauchen wir nur, dass jemand bei uns ist und wir schweigen dürfen.
- Wir brauchen das Gefühl, vollkommen richtig zu sein in unserer Art zu trauern und darin angenommen zu werden.
- Bitte wechselt nicht die Straßenseite oder schaut nicht weg, wenn ihr uns seht. Wenn ihr uns freundlich anseht, grüßt oder oder ehrlich aussprecht, dass ihr gerade nicht wisst, was ihr sagen sollt, ist das besser als dieses Gefühl der Ausgrenzung.
- Bitte verschont uns mit gutgemeinten Standardsätzen; sie sind für uns oft wie eine Keule.
- Sagt uns nicht, wie lange wir traurig sein dürfen oder nicht, was uns gut tut oder nicht, wir wissen es oft selber nicht.
- Wir freuen uns über Blumen, Karten, kleine Gesten, dann wissen wir, dass wir nicht allein sind.
- Wir brauchen manchmal Einladungen und Besuche, auch wenn wir öfters nein sagen, weil wir keine Kraft dafür haben. Nehmt das bitte nicht persönlich, sondern bleibt dran!
- Wir brauchen Menschen, die uns ins Leben zurückholen, wenn wir zu sehr in unserer Trauer versinken – aber bitte respektvoll und liebevoll.
- Wir brauchen das Recht zu trauern. Trauer ist normal, sie hilft uns Abschied zu nehmen; wir sind deswegen nicht krank und wollen nicht gemieden werden.
- Wir freuen uns, wenn ihr manchmal nachfragt, wie es uns geht, auch nach längerer Zeit, nach Monaten oder Jahren.
- Wir freuen uns über eure Anteilnahme, euer An-uns-Denken zu bestimmten Zeiten wie Jahrestagen von Geburtstermin, Bestattung ...
Meistens sind es ganz bestimmte Menschen, die uns in der Zeit der Trauer besonders nahe sind und helfen. Und es sind nicht immer die, von denen wir es erwarten. Manchmal entpuppt sich eine Arbeitskollegin oder Nachbarin als einfühlsame Frau, die selber Ähnliches erlebt hat, oder wir finden in Trauergruppen neue Freunde und Bekannte. Andere dagegen ziehen sich zurück oder wir uns von ihnen. Die beste Freundin ist für viele Frauen in dieser Zeit eine enorme Hilfe, sie ist immer da, egal, wie es einem geht. Manchmal auch die eigene Mutter. Besonders wichtig ist der Partner; Paare, die sich in dieser Zeit gegenseitig halten und unterstützen, berichten oft, dass ihre Bindung dadurch tiefer wurde und auf einer neuen Ebene gewachsen ist.
Für sich sorgen
Trauernde müssen bei allem Schmerz irgendwann auch Dinge tun, die ihnen gut tun, in denen sie sich spüren können, und wenn es nur kleine Momente sind. Gemeinsames Singen wird immer wieder als sehr heilsam empfunden. Auch Rituale besitzen eine große Kraft und helfen in der Verarbeitung von Verlust. Gläubige Menschen finden oft Halt in ihrer Religion, ihren Ritualen und in der Gemeinschaft. Eine Massage, ein Spaziergang, Schwimmen, ein Lied, ein Buch, der abendliche Gang mit dem Hund – oft sind es kleine Dinge, die uns wie Fenster mit der Welt verbinden.
Für sich sorgen kann auch bedeuten, sich Hilfe zu suchen, um begleitet durch diese Phase zu gehen.
„Da muss ich jetzt alleine durch“ ist ein Satz, den die meisten von uns kennen. Dieser Satz hat seine Berechtigung, denn im Innersten schreitet jeder Mensch auf seine Art durch Schmerz, Verlust und Trauer und für jeden ist dieser Prozess Teil der eigenen Lebenserfahrung, Geschichte und Reifung. Sich begleiten zu lassen ist jedoch kein Ausdruck von Schwäche, sondern von Liebe und Selbstfürsorge. Es kann auch bedeuten, dass wir uns noch tiefer in die Phasen und oft schmerzlichen Prozesse fallen lassen können. Aber wir versinken dann nicht, denn wir haben einen Lotsen, der uns begleitet und weiß, wo wir sind, und zusammen mit uns Wege erkennt, um uns gut hindurchzuführen. Das kann ein Seelsorger sein, ein Trauerbegleiter, eine Fährfrau oder ein Therapeut, Frauengruppen oder Männergruppen, vielleicht auch ein Schamane, Heiler oder ein weiser Mensch. Geben Sie sich die Erlaubnis, die für sie passende Unterstützung zu finden und zu bekommen. Ihre Bedürfnisse können und werden sich wandeln. Vielleicht brauchen Sie eine Zeit lang einen Trauerbegleiter, dann wieder eine Gruppe. Für eine gewisse Zeit hilft es ihnen vielleicht, sich in Trauerforen im Internet aufzuhalten und zu vernetzen, dann wieder brauchen Sie vielleicht Menschen am Ort, die Sie persönlich treffen können, oder Sie brauchen Zeit für sich alleine. Sie selbst werden es am besten wissen. Den eigenen Gefühlen, Prozessen und Bedürfnissen zu folgen und auch zu vertrauen ist für jeden Trauernden eine große Herausforderung, aber am Ende beinhaltet sie als Geschenk tiefes Wachstum und Reifen. Viele Menschen, die sich ein Stück des Weges begleiten ließen, waren im Nachhinein sehr dankbar für diese Unterstützung und Erfahrung.
Wenn Menschen in Momenten tiefer existentieller Not Mitgefühl, bedingungsloses Angenommen-Werden und Nähe erfahren, fühlen sie sich getragen und entwickeln diese Fähigkeiten selbst noch stärker. Oft geben diese Menschen später an andere Menschen ihre Erfahrung und ihr Mitgefühl weiter. So schließt sich ein Kreis.